Von Liebe, Leidenschaft und Vertrauen

Das Album von Wanda Hauenstein ist wie ein Drehbuch zu lesen, der Text ist mit den Abbildungen verknüpft und könnte heute ohne weiteres eine Serie von Filmepisoden anzeigen. Der Stoff handelt von einer Suche nach aufrichtiger Liebe, gleichberechtigt, ohne Abhängigkeiten. Obwohl die Handlung hauptsächlich zur Zeit des 1. Weltkriegs stattfindet, wird der Krieg durch Wandas Bilderwelt ausgeblendet. Inge Schröder versucht bei Streitigkeiten zwischen Wanda und Wilhelm zu vermitteln, wobei sie stark die Position Wilhelms unterstützt, gleichzeitig aber Bilder in das Spielgeschehen wirft, wo »Frau« den Männern wegsegelt. Lizzie Stapelfelder hilft Wanda bei der Versorgung mit Lebensmittel und Kohlen. Inge vergnügt sich mit Wanda beim Stummfilm und findet, dass Wanda die bessere Dialogsprecherin wäre. Frau Wildenauer kann sich mit der Familie Hauenstein nicht treffen, das versprochene Kleid kann erst Sonnabend Nachmittag geliefert werden. Wilhelm schreibt seinem Wandalein aus dem Genesungsheim Maria Laach. Er fragt, ob er die Kölner besuchen solle, Wandas Schwester Paula mit ihrem Ehemann. Wanda ist des öfteren kränklich und verlässt Hamburg. Ihr Mann, der Soldat (Hornist) Hauenstein hat Freigang, kommt nach Sankt Pauli und erfährt durch Frau Wildenauer, dass sich seine Frau zu ihrer Schwester nach Köln aus gesundheitlichen Gründen begeben hatte. Herr Bäuerlein versucht bei Wanda anzubändeln. Durch Herrn Bäuerlein erfahren wir, dass Wanda einen kleinen Sohn hat. Von Wilhelm hört man nichts mehr. Der Krieg ist aus, was aus Wandas Sichtweise eher unwichtig erscheint. Wandas neue Freundin Else Bauer möchte mit ihr zusammenleben, sie gehen gemeinsam in ein Reformkino. Wanda möchte sich wieder einmal so gerne in Ohlsdorf vergnügen. Da erscheint Max Krajewski und verliebt sich in Wanda. Else gratuliert dem Paar zu Hochzeit, Wanda lässt die Wohnung in der Marktstraße 28 renovieren. Zu Pfingsten 1921 bedankt sich Max für die schönen Stunden, die er mit ihr verbracht hatte und die er noch mit ihr zu verbringen gedenkt: »Mit Liebe, Freude und voller Vertrauen«, Dein getreuer Gatte Max. Hier hört die Bilder-Sammlung von Wanda Krajewski auf.

Das Album besitzt 96 Seiten, es hätten also 96 Ansichtskarten Platz gehabt, tatsächlich sind es nur 56 Karten. Ich nehme an, dass zwischen 1907 und 1916 viele Karten abhanden gekommen sind. Es existieren keine Karten von der 1. Hochzeit. Auch existieren keine Karten vom Kriegsausbruch, es gibt keine Propagandapostkarten. Wir wissen, dass Wanda sich nur Künstlerkarten hat zukommen lassen. Selbst die Feldpostkarten waren mit Blumensträußen und Liebespaaren bebildert. Vielleicht hat Wanda selber einige Karten aussortiert und wollte nicht, dass diese sich in ihrem Album befinden.

Abschließend kann man sagen, dass der Krieg, der nur kurze Zeit hätte dauern sollen, die Erwartungen an ein gemeinsames Zusammenleben zerstörte. Wilhelm war nicht da, Wanda wollte nicht alleine sein. Wanda stellt ein ganz anderes Frauenbild dar, als wir es aus der Kriegszeit des 1. Weltkriegs kennen. Sie ist nicht die aufopferungsvolle Mutter, die Durchhalteparolen folgt. Sie hilft nicht, Liebesgaben wie Tabak oder Tee für die Soldaten im Feld zu sammeln, sie interessierte sich nicht für den Frontverlauf und verabscheut jede Propaganda und jedes Heldengetue.

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