Ansichtskarten als Liebesbotschaft

Die Verlage aus Berlin, Wien, München, Prag (Praha), Krakau (Krakow) und Dresden versorgten die ständig steigende Nachfrage mit immer neueren Ansichtskarten. Alle Bedürfnisse des täglichen Zusammenlebens wurden thematisiert, bildlich bearbeitet und später in hohen Stückzahlen produziert. So gibt es einen Markt für Karten in Sachen Zweisamkeit, Rendezvous und Liebesspiel. Eigentlich Themen, die wir heute nicht gewöhnt sind, auf Ansichtskarten wiederzufinden. Die Karten wurden künstlerisch gestaltet und waren mit verantwortlich, ob zum Beispiel ein Stelldichein Erfolg hatte oder nicht. Die Auswahl der Abbildungen auf den Karten musste genau den Geschmack der Geliebten treffen. Männer sandten hübsche Frauenportraits an ihre Geliebte, dabei spielte es keine Rolle, ob es nun die Angebetete selber war oder irgendeine andere, hübsch aussehende Person. Die schönen Frauen auf Ansichtskarten standen Pate für die Art der Liebe, die ein Mann an eine Frau offenbarte. Mit diesem Empfinden wurden solche Karten von Frauen gesammelt.

Für die Verleger und Gestalter von Ansichtskarten war es natürlich wichtig, den »schönsten Typus von einer Frau« zu vervielfältigen. War die ältere Auffassung einer natürlichen Schönheit an die Anmut und Biografie einer Frau verknüpft, so galt bei der Massenware Ansichtskarte die Unterwerfung an ein postuliertes Schönheitsideal. Dies galt auch in allen abzuwägenden Liebesbeziehungen, die »Frau und Mann« zu entscheiden hatten. Die Steigerung in Sachen Beziehung war die Überlassung von Karten, die ein sich küssendes Paar darstellten.

Aus dieser Art von Ansichtskarten entwickelten sich wenige Jahre später die »Schauspielerkarten«. Waren die Ansichtskarten galant und ließen einen nie aufzuhörenden Lebensrausch erahnen, so waren die männlichen Autoren oft plump und unbeholfen in der Formulierung ihrer Liebesbotschaft, die sie ihrer Angebeteten mitteilten. Der gesamte Liebesreigen war natürlich nicht nur zwischen den Geschlechtern abzuhandeln, sondern auch Gesprächsstoff unter Freundinnen und Freunden. Viele Männer machten es sich einfach, indem sie lediglich Grüße und Signatur schriftlich mitteilten, alles andere sollte das Frauenportrait selbst aussagen, wie zum Beispiel ein Portrait, wo die abgebildete Haartracht mit echtem Haar überklebt wurde.

Das Ziel der Verlage war die Typisierung, neben dem schönsten Bildnis einer Frau gab es das idealste Liebespaar als auch das vielversprechenste Tanzvergnügen und den leidenschaftlichsten Kuss. Diese Typisierung der Ansichtskartenmotive versprach einen größeren Absatzmarkt. Dadurch machten die Verleger die Bilderwelt des Liebesreigens populär. Sie setzten Trends und erwarteten von den Künstlern, diese Trends bestens umzusetzen. Hans Zatzka war einer der erfolgreichsten Gestalter aktueller Bildthemen, die den Liebesreigen abhandelten. Für die Künstler gab es zahlreiche literarische Vorlagen wie z. B. »Romeo and Juliet«, eine 1597 veröffentlichte Tragödie von William Shakespeare oder die klassisch-griechische Liebesgeschichte von »Daphnis und Chloe«. Goethes Gedicht »Der Gott und die Bajadere«, die zurückgreift auf eine indische Mythologie, behandelt die Devadasi, eine tanzende Dienerin aus der hinduistischen Götterwelt. Für die Ansichtskarten-Empfängerin war es nicht so wichtig, die exakte Bedeutung der Bildidee vollständig zu ergründen, es reichte aus, das eigene Erleben mit der präsentierten Ansicht zu verknüpfen. Die gestaltete Ansichtskarte musste in die Gefühlswelt der Empfängerinnen passen.

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