Hildesheim und die Stadt Ninive

Doppeldeutig, aber sehr aussagekräftig ist das leider nicht mehr vorhandene Bacchus-Relief mit den Delphinreitern. Es befand sich über dem nördlichen Portal zur Hofseite hin. In das Herbstmotiv von Lambert Lombard ist die biblische Stadt Ninive eingefügt worden. Bei genauerem Hinschauen erkennen wir aber das Stadtbild von Hildesheim, so wie es sich Borcholt um 1586 vorstellte. Das Herbstmotiv ist nicht von primärer Bedeutung, sondern eher die zwei heraus genommenen Türme aus dem Geviert der Michaeliskirche; sie waren baufällig und mussten instand gesetzt werden. Die Aufteilung der Gotteshäuser in evangelische und katholische Anwesen erschwerte die Finanzierung des Bauvorhabens. Hildesheim drohte – nach Borcholt –, ein Ninive des Abendlandes zu werden. Die beiden Delphinreiter halten Kelchschalen bereit, ein Sinnbild für die aufzubringende Summe der Instandsetzung der Michaeliskirche. Andererseits halten die zwei „Delphinreiter aus Taras“ mit den Kantharoi – als Zeichen des ewigen Lebens – Kelche in den Händen. Diese Kelche werden zur Hofseite hin mehrfach thematisiert und abgebildet.

Hildesheim, ein Ninive des Abendlandes: die Michaeliskirche

Delphinreiter und Kelchsymbolik

Als Vorlage könnte die Geschichte von „Jona“ aus der Stimmer-Bibel gedient haben. Fischart beschreibt auf Motiv-Nr. 126 Folgendes: „Ionae. I. II. Cap. / Inen wird kain zaichen / dan das zaichen Jonas. sc.(?) / Gleich wie im Walfisch Jonas lag / Verschlossen drei nächt und drei tag / Am dritten ausgeworfen ward: / Also lag Christ ain klaine fart / Auch vns zu hail im grab verwart.“13 So wie Jona in der Stimmer-Bibel das Zeichen selber war, so verlegte Borcholt ein Zeichen in die Hände der nun furchtlosen Delphinreiter, in dem er sie die Kelche des ewigen Lebens halten ließ.14
Über den nicht mehr vorhandenen Diana-Brunnen mit Virgil-Solis-Motiven nach den Metamorphosen von Ovid ist wenig zu sagen; Gleiches gilt für das Löwen-Tor in der Hoffassade gegenüber. Nach dem Bildersturm über Hildesheim war eine Verknüpfung von antiken und christlichen Traditionen sicherlich nicht ratsam, es sei denn, man stellte neue lehrreiche Verknüpfungen dar. Borcholts „Römisches Haus“ war das erste Haus in Hildesheim, welches eine geschlossene Fassade aus Sandstein hatte. Vielleicht hätte er es gerne gesehen, den Langen Hagen komplett mit lehrreichen Motiven bestücken zu lassen.

[13] Faksimilereproduktion von 1881. Johann Fischart, Neue künstliche Figuren Biblischer Historien grüntlich von Tobia Stimmer gerissen … Zu Basel bei Thoma Qwarin Anno M.D.LXXVI. Der Prophet Jonas. Motiv-Nr. 126.

[14] In der Auseinandersetzung des Abendmahles in beiderlei Gestalt (Kelchkommunion) kam das Motiv des Kelches auf Fachwerkhäusern – z. B. des Brusttuchs in Goslar und des Hoppener Hauses in Celle – öfter vor.