Die Rabenvögel und der Jagdfries

Fischart war auch Ideengeber für die Abbildungen vieler Rabenvögel, die die Weltgeschichte durchstreiften. Mit „Nacht Rab oder Nebelkräh“6 schrieb er gegen den Konvertiten Jacob Rabus, der die Bischofswahl von Johann Manderscheid in Straßburg 1569 verteidigte. Der jesuitisch beeinflusste Rabus (Rabe) wird vor ein Gericht gestellt, welches aus Vögeln bestellt ist und von einem Adler als leitendem Richter angeführt wird. Fischart stellte den Raben exemplarisch als Jesuiten dar, gegen den er in mehreren Schriften heftig polemisierte. Diese Szene diente als Steilvorlage für die Wahl des Hildesheimer Bischofs Ernst von Bayern, der 1573 als erster Wittelsbacher das Amt innehatte. Mit Ernst von Bayern kamen die Jesuiten nach Hildesheim. Der konvertierte Jesuitenpater Johannes Hammer war ab 1587 der erste katholische Seelsorger nach der 1542 eingeführten Reformation in Hildesheim. Später wurde den Jesuiten auch die Leitung der Domschule (späteres Gymnasium Josephinum) übereignet. Der Ordensgründer Ignatius von Loyola galt – wegen seiner uneingeschränkten Papsttreue – den gebildeten protestantischen Humanisten als „Jesuwider“, als Gegner schlechthin. Borcholt selbst ließ sich als weise Eule abbilden, die Gericht über die Rabenwelt hält. Das Wappen mit Beschlag, Eulenkopf und Namen befindet sich in den Beständen des Römer-Museums in Hildesheim.

Der Rabenfries mit Motiven von Virgil Solis nach Ovid und Motiven von Tobias Stimmer

Obwohl Borcholt wegen seiner Berufung als Jurist unbedingte Neutralität zu wahren hatte, war er doch überzeugter Protestant. Der Rabe war genauso gut ein Akteur in Ovids Versen wie auch in Fischarts Schrift „Nacht Rab oder Nebelkräh“. Im zweiten Buch von Ovids Metamorphosen steht das Vogelgespräch zwischen dem Raben und der Krähe. Der Rabe hat die Untreue der Coronis, der Geliebten Apolls, entdeckt und verplappert sich darüber. Die Krähe maßregelt ihn, er solle nicht alles kundtun, was er weiß. Natürlich stellt Borcholts Rabenvergleich Spott und Polemik dar; es kommt aber darauf an, wie die Kommentierung dazu gesehen wurde. Ovids Metamorphosen kommen der allgemeinen Literaturbegeisterung entgegen, die zu Anfang der Neuzeit herrschte. Der Nürnberger Verleger Virgil Solis schuf zahlreiche Holzschnitte zu Ovids Metamorphosen, diese waren Borcholt bekannt.7 Er integrierte innerhalb des Diana-Actaeon-Jagdfrieses die Szene von Pan und Syrinx sowie die Szene von Pygmalion und Galatea, ohne dass uns heute eine Kommentierung dazu einfallen würde. Nach dem Bildersturm waren Abbildungen so zu handhaben, dass sie eine lehrreiche Wirkung erzielen sollten. Im Rahmenwerk zu Ovids Metamorphosen können wir ebenfalls Motive erkennen, die Borcholt später in seine Fassade integriert hatte, zum Beispiel: der Hase springt aus dem Ornament oder die unteren Porträt- Konsolfiguren des Kalendererkers. Sie stellten Vorlagen für Borcholts Haus dar.

Borcholts Wappen; eiserner Beschlag mit Eulenkopf

Der Hase im Jagdfries

[6] Anonymus, Nacht Rab oder Nebelkräh. Von dem uberaus Jesuwidrischen Geistlosen schreiben unnd leben des Hans Jacobs Gackels, der sich nen(n)et Rab? Darinnen darneben von der Jesuwider Nachtrabischem wesen und stand, irem schlimmen Ränken … unnützen Geschwetz, auch von irem saubren Ordens ankunft gehandelt und gemeldet wird …, Frankfurt am Main, 1570.
https://bildsuche.digitale-sammlungen.de/index.html?c=viewer&bandnummer=bsb00033633&pimage=3&v=100&nav=&l=fr (aufgerufen am 1.12.2016).

[7] P. Ovidii Metamorphosis Oder: Wunderbarliche unnd seltzame Beschreibung von der Menschen, Thiern und anderer Creaturen Veränderung etc., allen Poeten, Malern, Goldschmiden, Bildhauwern und Liebhabern der edlen Poesi und fürnembsten Künsten nützlich und lustig zu lesen. Sigmund Feyerabend, Frankfurt am Main, 1563, 1581.