Protestantischer Bürgereifer zu Beginn des 16. Jahrhunderts, dargestellt am Beispiel von Fachwerkschnitzereien an drei Bürgerhäusern der Renaissance in Norddeutschland.

Einführung

Im griechischen Alexandria formierte sich der babylonische Glaube, jeder Tag und jede Stunde unterliege einer (göttlichen) Sphäre, die in den Sternen abzulesen wäre. Der Schritt zur Astrologie und Horoskopie war getan. Die Planetengötter bekamen Einfluss auf das menschliche Schicksal.[1] Der Götterglaube manifestierte sich in der antiken Welt und vereinnahmte die Spiritualität des Menschen. Im (mittelalterlichen) Christentum vollzog sich dann durch das individuelle Gewissen ein Wertesystemwechsel. Seit der Renaissance differenzierten sich die einzelnen Wissenschaften aus und nahmen einen zunehmend größer werdenden Stellenwert ein. Bis heute leben wir in dem „mechanischen Weltbild“, das auf die Frühe Neuzeit zurückgeht. Mit dem Begriff der Zeit und unserem heutigen solaren Kalender lassen sich die Weltbilder der Antike, des Christentums und der Neuzeit gut aufspüren.

Auf waagerechten Fachwerkbalken aus der Renaissance sind häufig Schnitzereien als Stufen- oder Lebensleiter zu erkennen. Die Stufen kennzeichnen den Lebensweg von der Geburt bis zum Tod; wobei man bei der Geburt mit der Sphäre des Mondes (Luna / Diana) beginnt, dann folgt Merkur, der die Wissbegier stärken soll; in der Folge stürzt Venus jeden Menschen in Verliebtheit und Leidenschaft; die Sonne beendet den Lebensmittelpunkt und Mars steht mit all seiner Kampfbereitschaft für die zweite Lebenshälfte. Das Alter beginnt mit dem weisen Jupiter, während Saturn die Lebenszeit ablaufen lässt.[2] Ein Horoskop wurde in 12 Häuser nach den Tierkreiszeichen eingeteilt. Die sieben (beweglichen) Planeten teilten sich in Tag- und Nachthäuser auf und spiegelten Eigenschaften wider, wie Geburt und Schicksalslauf, gewinnbringende Ereignisse sowie Geschwister-, Eltern- und Kinderbeziehungen. Gesundheit, Ehe und die Betrachtung zum Lebensende spielten wie Religion und die Erlangung von Ruhm eine wichtige Rolle. Letztlich waren die Verhältnisse zu Freunden und Feinden in den Häusern 11 und 12 innerhalb eines Horoskops zu beurteilen.[3] Die Planeten standen hierbei in einem 360°-Kreis und ließen sich in unterschiedlichen Gradeinteilungen im Sinne des Ptolemäischen Systems kennzeichnen.

[1] Alexander Demandt, Zeit eine Kulturgeschichte, Ullstein Buchverlag GmbH, Berlin 2013, S. 182–186.
[2] Rudolf Drössler, Planeten, Tierkreiszeichen, Horoskope, Koehler & Amelang, Leipzig 1884, S. 55–59.
[3] Reiner Reisinger, Historische Horoskopie, Konzeptionsschema, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1997, S. 157.