Schnitzereien am Fachwerk des Brusttuchs in Goslar[10]

In Goslar kannte man den Vorgang der Schnitzereien am Huneborstelschen Haus: Heinrich Lampe war selbst einige Zeit in Goslar gewesen. Das zu errichtende Brusttuch stand zur Längsseite der Marktkirche; die Rats- und Hauptpfarrkirche der Stadt war benannt nach den heiligen Cosmas und Damian. Spielte bei der Neugliederung des Kirchenwesens zuerst die Luthersche Bibelübersetzung in deutscher Sprache eine wesentliche Rolle, so ging es später um die Gestaltung des Gottesdienstes, wobei sich besonders ein Streit um das Abendmahl entzündete. Die Schnitzereien am Brusttuch geben darauf wichtige Hinweise. Neben den Planetengöttern erscheinen die sieben Säulen der Weisheit aus den Sprüchen des Salomo (Spr 9,1–6): „Weisheit und Torheit laden zum Mahle“.11 Im unteren Bereich sind wie gehabt die sich sorglos tummelnden Planetenkinder abgebildet, im oberen Bereich der Knaggen erscheinen die Ergebnisse der unterschiedlich wahrnehmbaren Sphären. Wie immer müssen wir uns das Geschehen in geschlossener Kreisform vorstellen. Die Planetengötter stehen neben den sieben Säulen, Juno zeigt an, wann die „Geschichtsschreibung“ beginnen soll, wobei Juno selbst eine Säule der Weisheit verdrängt. In der Reihenfolge: Juno, Saturn, Jupiter, Mars, Merkur, Diana (Luna), Venus, Apollo (Sol), Säule der Geburt Christi (Stern von Bethlehem), Säule zur Erinnerung des Abendmahls durch Paulus (Damaskus-Lichterscheinung des Paulus), direkt um 90 Grad dahinter die 7. Säule, Säule der falschen Mühe, Säule der Verkündigung des rechten Glaubens, Säule des Teufels in Narrengestalt und die Säule der guten Frauen mit den guten Taten (Werken). Interessant sind die Ergebnisse der Sphären ab Luna, Venus und Sol: Sie beziehen sich auf den Stern von Bethlehem, dem drei Sterndeuter (die heiligen drei Könige) folgen. Die Gaben der Sternendeuter sind in der Bibel beschrieben: Gold (Gold, Element des Sol), Weihrauch (einer der Pflanzenstoffe der Luna) und Myrrhe (steht für Balsam der Venus). Bei der Vermischung von antikem und christlichem Kulturgut ist Vorsicht geboten. Beide Positionen stehen neutral nebeneinander. Den Humanisten war neben der Auslegung der Bibel die übersetzung der römischen und griechischen Literatur ein Anliegen. So ist z. B. Melanchthon bemüht, den Menschen in eine göttliche Naturgeschichte einzubetten, und die Sterne begriff er als ein umfassendes göttliches Zeichensystem, dem es Wahrheiten zu entlocken galt. Luther selbst zweifelte – wie auch Erasmus von Rotterdam – an der umfangreichen Weltsicht der Horoskopie. Auf dem Brusttuch oben (letzte rechte Knagge) geht es inhaltlich um den ersten Brief des Paulus an die Korinther. Paulus verteilt das Abendmahl (1 Kor [11], 23–34) und erinnert an den tieferen Sinn des Abendmahls, der – wie er meinte – den Korinthern verloren gegangen war, genau wie vielen Mönchen zu Beginn der Neuzeit auch. Das Abendmahl erinnert an den späteren Triumpf über den Tod, in dem Jesus durch sein Martyrium für die Gläubigen sein Blut und seinen Leib hingegeben hat. Diesem Geschehen steht das klassische Bildprogramm der Antike gegenüber. Die Äpfel der Hesperiden gewähren den Göttern immerwährende Jugend. Ambrosia ist ein Göttermahl, das den Göttern Unsterblichkeit gewährt. Das Dreibein als Feuertopf für die Herrichtung der Speise tritt spirituell in Erscheinung, es soll allen möglich sein, neben der Nahrung auch Erkenntnis zu erlangen, um den Tod nicht fürchten zu müssen, egal welchem Stand man sich angehörig fühlt. Wir befinden uns schon jetzt in der Thematik des Bildprogramms des Hoppener Hauses in Celle.

[10] Piegsa 2015 (wie Anm. 6).
[11] Sprüche – Kapitel 9: Weisheit und Torheit laden zum Mahle. Die Weisheit baute ihr Haus und hieb sieben Säulen, schlachtete ihr Vieh und trug ihren Wein auf und bereitete ihren Tisch und sandte ihre Dirnen aus, zu rufen oben auf den Höhen der Stadt: „Wer verständig ist, der mache sich hierher!“, und zum Narren sprach sie: „Kommet, zehret von meinem Brot und trinket den Wein, den ich schenke; verlaßt das unverständige Wesen, so werdet ihr leben, und gehet auf dem Wege der Klugheit.“