Lokale Geschichte in Holz am Huneborstelschen Haus in Braunschweig[4]

Wer die geschnitzten Bildprogramme an einigen norddeutschen Fachwerkhäusern verfolgt, wird in die Zeit der Renaissance und in die Anfangsphase des sich formierenden Protestantismus hineingezogen. Überall, wo Planetengottheiten zu sehen sind, bestimmt die Horoskopie das Geschehen. Das Huneborstelsche Haus wurde 1524 in Braunschweig auf dem ehemaligen Grundstück am Sack 5 errichtet. Die Planetengottheiten befinden sich in der ursprünglich richtigen Reihenfolge (die jeweilig kürzeste gemessene Entfernung zur Erde), allerdings wird die Reihenfolge von Juno (hilfreiche Göttin der Geburt) und den zwei Protagonisten aus der Richterzeit des Alten Testaments „Delila und Simson“ (Richter Kapitel 16) unterbrochen. Auf den Fachwerkfassaden werden die Planetengottheiten in einem Kreisrund gedacht, genau wie die damals bekannten sieben Planeten, die man stets aus Erdsicht betrachtete. Sonne und Mond (Sol und Luna) gehörten zu den damals beweglichen Planeten als Luminarien dazu. Um ein Ereignis zu horoskopieren – wie zum Beispiel die Geburt eines Menschen (Nativität) oder die Fertigstellung eines Bergwerkstollens respektive Kirchturms –, waren die Konstellation der Planeten zum Zeitpunkt der Geburt oder der Grundsteinlegung eines Gebäudes zum Stand der Fixsterne (Tierkreiszeichen) zu beachten. Über den genauen Geburtszeitunkt wachte Juno. Die 12 Tierkreiszeichen wurden im Kreisrund (360°) erst einmal jeweils zu 30° unterteilt. War ein Ort auf der Erde zum Zeitpunkt der Tierkreis- und Wandelsternkonstellation bekannt, konnte ein Horoskop erstellt werden. Durch den Blick in die aufgehenden Sterne war eine Schau in die Zukunft möglich. Das Horoskopieren war schon damals umstritten, es gab aber Päpste und Fürsten, die an Horoskope glaubten.[5] In Wittenberg lehrten Melanchthon und später Peucer die Astrologie, und auch im katholischen Ingolstadt fand sie in der Lehre Berücksichtigung. Zum Ende des Mittelalters setzten sich Hausbücher durch, die über herrschende Planetengötter und die sich daraus ergebenden Planetenkinder informierten. Viele Künstler der Renaissance beschäftigten sich mit der Abbildung von Planetengöttern und Planetenkindern. Die Vorlagen in Form von Holz- oder Kupferstichen tauchten später als Schnitzereien auf Fachwerkhäuser wieder auf. Unter den Künstlern befinden sich so bekannte Namen wie Dürer, Burgkmair, Hopfer und Weiditz sowie später viele holländische und flämische Meister.

Einen Streitpunkt stellt ein Kupferstich von Albrecht Dürer dar, dieser wurde von ihm um 1500 gestochen. Heute noch ist dieser Stich vielfach als „Hexe“ bekannt,[6] tatsächlich ist aber Juno abgebildet, und zwar als Schutzherrin des Kleinviehs und der Nutzbäume (Juno Caprotina). Diese Richtigstellung ist deshalb wichtig, da man Juno oft mit einem Horn des Ziegenbocks abbildete. In einer weiteren Eigenschaft wurde sie als Geburtshelferin verehrt, ganz nach der altmediterranen Geburtsgöttin Eileithyia; so ist sie für den Einstieg in ein Horoskop unverzichtbar. Ich stellte mir die Frage, ob die hier behandelten drei Planetengötterhäuser nicht für sich allein ein Horoskop darstellen, ein individuelles Horoskop für die Einwohner der errichteten Fachwerkhäuser. Es ließen sich jedoch keine Anhaltspunkte finden, die für ein Horoskop eines Hauses sprechen. Die Planetengötter zeigten sich immer mit ihren zugehörigen Tierkreiszeichen, die Planetenlage wurde also nie verändert. Stattdessen wird aber eindringlich auf ein Zeitgeschehen eingegangen, welches am Huneborstelschen Haus in Braunschweig gleich zwei Ereignisse zur gleichen Zeit schildert. Von Juno wird das Schicksal eines Mannes und einer Frau vorgestellt. Unten dürfte es sich um Heinrich Lampe,[7] den ersten evangelischen Prediger in der Stadt Braunschweig, handeln. Ganz oben ist eine Frau dargestellt, die vor Gericht als Prostituiere und Betrügerin verleumdet wurde, später aber doch wohl mit einem (Kirchen-)Musiker verehelicht wurde. Heinrich Lampe war nie Mönch, sein Vater ist in Gronau während der Hildesheimer Stiftsfehde ums Leben gekommen. In Braunschweig erhielt er seine Ausbildung zum Prediger. Er war mit Gottschalk Kruse zusammen, der beschuldigt wurde eine Ketzerschule betrieben zu haben. Kruse spielte auch bei der Neuerung des Kirchenwesens in Celle eine Rolle, bevor er dann nach Harburg ging. Um 1525 gab es in Braunschweig zur Kirchmesse stets überfüllte Gotteshäuser. Prediger gestalteten im reformerischen Sinne die Gottesdienste und scheuten sich auch nicht, statt Latein die deutsche Sprache zu nutzen. Für die Obrigkeit des Klerus war der neue Anflug an Frömmigkeit unverständlich, und so ließen sie alle Angelegenheiten dieser wunderlichen Art untersuchen. Herkömmliche Gottesdienste im alten Stil wurden von den meisten Kirchgängern nicht mehr besucht. Eine Auseinandersetzung mit den neuen Predigern eskalierte. So fiel später von dem Dechant Bleker der Satz: „Verbeut [verbietet] ihnen [refomierte Prediger], daß sie die deutschen Charteken [Pöbel] und solch Stank und Koth zufriedenlassen!“ Was so viel bedeutete, dass das Wort Gottes in Braunschweig nur für gebildete Leute gelten sollte. Für den Ratsherren Huneborstel war eine Grenze überschritten: Sollten arme Leute, mit „Stank und Koth“ in Verbindung mit Gottes Wort gebracht, nicht würdig sein, am Gottesdienst teilzunehmen? Dieser Streitpunkt ging in die Propagandamaschinerie der Lutheraner[8] ein, und so ist am Huneborstelschen Haus der Dechant Blecker bis heute mit heruntergelassener Hose zu sehen. Er streckt dem Betrachter seinen Allerwertesten entgegen. Einige Kunsthistoriker bezeichnen bis heute einen Mann, der sich die Hosen herunterzieht und sein Gesäß zeigt, als „Blecker“. Ein weiteres Beispiel ist am Freiburger Münster zu sehen, wo „Stank“ (Gesicht auf der rechten Seite) und „Koth“ (Gesicht auf der linken Seite) ihren gemeinsamen Allerwertesten in die Höhe halten und dadurch dem Regenwasser zur Abfuhr verhelfen.[9] Die Figur ist um 1530 am Dach des Münsters gefertigt worden.

Huneborstel ließ das Schicksal von alltäglichen Szenen ausarbeiten und spiegelte hierdurch die lokale Geschichte Braunschweigs, die von Ungerechtigkeit und ehrbarer Gläubigkeit erzählt. Von den Ereignissen der Gleichzeitigkeit beeindruckt, wies er den Planetengöttern und Heiligen einen Anteil an Verantwortung für das Schicksal der Menschen zu. über Saturn erscheint die (gemarterte) heilige Katharina, die Allwissende, die stets ihre Feinde zu überzeugen wusste und daher als gefährlich galt. Alles erscheint hier noch im katholischen Kontext der Heiligen Verehrung. „Ich Affe / stehe und gaffe / derweilen ich muß stehn / magst du weitergehn“, stand als Spruch auf der geschnitzten Fassade. Dies kennzeichnet die Zerrissenheit des Auftraggebers Huneborstel: Er hat die Künstler dazu animiert, bestes Schnitzwerk abzuliefern; er hat aber auch – aus heutiger Sichtweise – die individuellen Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten verletzt.

[4] Gerd Spies, Das Gildehaus in Braunschweig, Waisenhaus Verlag, Braunschweig 1983.
[5] Claudia Brosseder, Im Bann der Sterne, Akademie Verlag, Berlin 2004.
[6] Johanna Junk, Hexen und Heilige, in: Günter Piegsa (Hrsg.), Renaissance in Holz. Das Brusttuch, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2015, S. 137–140.
[7] C. Hessenmüller, Heinrich Lampe, der erste evangelische Prediger in der Stadt Braunschweig. Ein auf Quellenstudium beruhender Beitrag zur Reformationsgeschichte der Stadt Braunschweig, Verlag Fr. Otto, Braunschweig 1852.
[8] (Papstesel und Mönchskalb)
https://www.historicum.net/themen/reformation/reformation-kommunikationsgeschichtlich/sekundaere-medien/3c-deuttung/ (letzter Aufruf: 22.09.2016).
[9] (ein Blecker als Wasserspeier)
https://www.zum.de/Faecher/PRO/MUENSTER/presse/kna/monster.htm
(letzter Aufruf: 22.09.2016).