Die Anatomie und das Ende der Harnschau

Im 18. Jahrhundert wurden Ärzte in ihrer Funktion als Stadtphysikusse beauftragt, das Gesundheitswesen vieler Städte zu überarbeiten. Bereits ab dem 16. Jahrhundert hatte es in der Anatomie bahnbrechende Entwicklungen gegeben wie z. B. die Entdeckung und Entschlüsselung der Funktion des Blutkreislaufes. Althergebrachte medizinische Anwendungsbereiche wurden nun als Quacksalberei und Kurpfuscherei verschrien. Die Harnschau wurde zu einem veralteten Diagnoseverfahren. Quecksilbersalben und -pflaster, die z. B. als Mittel gegen die Syphilis vertrieben worden waren, entpuppten sich als eher schädlich und damit wertlos.

Anonymus
Der Anatomiesaal

um 1702 | Kupferstich, 175 x 127 mm
Aus: „Franz Philipp Florinus, Oeconomus prudens et legalis. Der kluge und rechtsverständige Haus-Vater“, 1702

Zu sehen ist eine anatomische Lehrveranstaltung für Studierende und interessierte Zuschauer. Das Studium der Anatomie wurde von Andreas Vesalius während der Renaissancezeit grundlegend erweitert. Für die Sektionen wurden oft Leichname von zum Tode verurteilten Personen benutzt, was posthum einen weiteren bestrafenden Charakter hatte.

Rembrandt Harmensz. van Rijn
Die Anatomie des Dr. Tulp

1632 | Fotografie von um 1900, 124 x 94 mm

Die um 1900 gefertigte Reproduktionsfotografie gibt das berühmte, um 1632 fertiggestellte Gemälde des niederländischen Malers Rembrandt wieder. Das Bild hängt heute im Mauritshuis in Den Haag. Dr. Tulp – der Mann mit Hut – aus der Gilde der Barbiere und Chirurgen in Amsterdam obduziert einen vorher zum Tode Verurteilten. Das Interesse gilt der Sektion des linken Armes. Der fragende Blick in Lehrbücher dient dem Vergleich des gerade real Erlebten mit der zu kontrollierenden Lehrmeinung aus anatomischen Büchern.  

Anonymus
Der Oberleib

1781 | Kupferstich, 127 x 97 mm
Aus: Schauplatz der Natur und Künste, Wien 1781. Mit einem Beiblatt beschrieben in vier Sprachen.

Anatomische Darstellungen wie diese dienten der genauen Beschreibung des Körpers innerhalb der Anatomie und brachten neuere Erkenntnisse über die Funktion der Muskeln, des Knochenbaus und der Organe: „[…] Der gesamte Oberleib dient zur Sicherheit der inneren Teile, befördert das Odem holen und den Umlauf des Geblüts.“