Die Harnschauer

An der Fassade des Celler Badehauses ist die Figur eines Harn- oder Urinbeschauers angebracht. Das Symbol des Harnbeschauers war im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit ein Symbol der Heiler und Mediziner. Die Harnschau wurde unter anderem von Badern, Apothekern, Geistlichen und Ärzten durchgeführt. Grundlage dafür waren die Untersuchung und Beobachtung der Harnkonsistenz, der Harnfarbe und diversen Beimengungen. Die Leber galt seinerzeit noch als Produzent des Blutes und der Säfte. Nach der sogenannten Vier-Säfte-Lehre würde, so die damalige Überzeugung, die Nahrung verkocht. Der Brei, aus dem später die Säfte würden, gliche sich durch besagte Verkochung immer mehr den inneren Körpersubstanzen an: Die gelbe Galle sammele sich in der Gallenblase, die schwarze Galle gelange zur Milz und der Harn würde als wässriges Endprodukt über die Blutgefäße zu den Nieren befördert.[5]

Die Ausgewogenheit dieser Säfte sowie die Temperatur des Körpers waren sorgfältig zu beachten. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein galt die Harnschau in der Bevölkerung als beliebtes Diagnosemittel. Ein Bader, der seine medizinischen Anwendungen als Handwerk verstand, konnte der Harnschau kundig sein ebenso wie ein studierter Mediziner, von denen es damals allerdings nur wenige gab.

Anonymus
Der Harnbeschauer

nach 1530 | Balkenschnitzerei an der ehemaligen Ratsbadestube in Celle, 165 x 105 mm
Vorlage abgenommen von dem Motiv Der Harnbeschauer, um 1530

Neben Motiven von Daniel Hopfer aus Augsburg ist Der Harnbeschauer links am Ende des Balkens zu sehen. Das Motiv ist stilistisch noch ganz dem Mittelalter verbunden. 1463 war auf Glasfenstern der Marienkirche in Lübeck innerhalb eines Totentanzes der Stände auch ein Harnbeschauer mit einem Uringlas abgebildet worden. Die Harnschau war das Zeichen der Heiler und Ärzte. Bader wie studierte Ärzte diagnostizierten durch die Harnschau.

William French
Die kranke Frau

um 1860 | Stahlstich, 135 x 163 mm

Das Gemälde von Caspar Netscher, das diesem Stahlstich zugrunde liegt, stammt aus dem Jahr 1664 und befindet sich in Dresden. In allen größeren Galerien Europas ließ man ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Gemälde für ein breiteres Publikum kopieren. William French fertigte um 1860 die vorliegende Druckvorlage an: Der Arzt besuchte seine wohlhabende Patientin. Die dargestellte Urinschau und die Pulsmessung dienten zur besseren Diagnosesicherung.

Sebastian Langer
Der Charlatan

um 1821–1828 | Stahlstich, 98 x 133 mm

Das diesem Stahlstich als Vorbild dienende Gemälde Harnschauer wurde von Gerard Dou im Jahr 1653 fertiggestellt, es befindet sich in Wien. In seiner Kopie betitelte Sebastian Langer das berühmte Gemälde als Der Charlatan. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts galt die Harnschau nicht mehr als passende Diagnose, so konnte Langer das Bild anders benennen. Obwohl Dou den Harnschauer auch in einem Anatomiebuch mit Zeichnungen von Vesalius abbildete, verdrängte die Anatomie als Wissenschaft schlussendlich die Harnschau. In der Zeit von Gerard Dou galt der Harnschauer als eine gebildete weltoffene Autorität.

Jean Nicolas Lerouge
Le Médecin aux Urines

Kupferstich, 107 x 133 mm

Der Kupferstich ist innerhalb der Serie der Galerie du Musée Napoléon, Nr. 587, entstanden.
Das zugrunde liegende Gemälde von Godfried Schalken Het onderzoek van de Doktor wurde Ende des 17. Jahrhunderts gemalt, es befindet sich in Den Haag. Im Kreise der Familie betracht der Harnschauer das Uringlas und stellt auf diese Weise eine Schwangerschaft (!) der hier weinenden Tochter fest. Der Vater zeigt sich äußerst verärgert darüber.

[5] Michael Stolberg, Die Harnschau. Eine Kultur- und Alltagsgeschichte, Wien 2009, S. 63 f.